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Rettungsarche in Molzbach ermöglicht Abhängigen eine zweite Chance

Foto: Celina Lorei Leiter Kirill Kuznecov (ganz rechts) ist mächtig stolz auf den Fortschritt und die Erfolge seiner Schützlinge.                                                                                                     

Seit 2004 hat es sich die Rettungsarche als Verein zur Aufgabe gemacht, Menschen mit Suchtproblemen zu helfen und auf einen neuen Lebensweg zu bringen. Das Besondere
daran: Ehemals Betroffene helfen Betroffenen. So wie Kirill Kuznecov, der seit Februar 2017 die Zweigstelle in Molzbach leitet. Gitarrenklänge und fröhliches Gelächter erfüllen die Räume des alten Klosterhofes. Klänge, die sinnbildlich für das neue Leben stehen, das hier angestrebt wird. Eines ohne Sucht, ohne Schulden und mit Perspektive. Die 15 Männer im Alter von 25 bis 45, die gerade im Gemeinschaftsraum zusammensitzen, haben alle eines gemeinsam: Sie haben ein Leben

"Die Rettungsarche war meine Rettung. Ohne sie wäre ich entweder im Gefängnis oder tot."
                   Sergej  Absolvent der Rettungsarche
 
im Zeichen der Sucht geführt, aus dem sie ausbrechen wollen. Als „Brüder“, als große Familie, wollen sie es schaffen. Sergej hat die Sucht bereits überwunden, doch regelmäßig kommt er nach Molzbach, um seinen Freunden zu helfen und um sich selbst zu festigen. „Step bei Step lernt man Verantwortung zu übernehmen und wird nach Ende der Zeit hier nicht alleine gelassen. Wir werden für immer eine Bindung zueinander haben und uns zur Seite stehen“, ist er sich sicher. 2003 gründete sich die Rettungsarche in Form einer Selbsthilfegruppe in Gießen. Mit dem Umzug nach Marburg im Jahre 2006 wurde die erste stationäre Einrichtung eingeführt. Im Februar 2017 erweiterte man die Arche schließlich durch die Anmietung des alten Klosterhofs in Molzbach „als logischen

Schritt“, da immer wieder Hilfsbedürftige aus dem Fuldaer Raum in Marburg aufgenommen wurden. 

Seitdem werden im Hünfelder Ortsteil bis zu 16 Jugendliche und Männer betreut, ein Ausbau der Kapazitäten ist geplant. „Die Nachfrage ist groß, und wenn wir die Möglichkeit haben, uns zu vergrößern, dann wollen wir das auch umsetzen“, so Kuznecov. So besteht der Wunsch nach dem Kauf des alten Klosterhofes, die Verhandlungen mit dem Besitzer laufen bereits. „Wenn wir das Gelände kaufen, wollen wir einiges renovieren und erneuern“, erzählt der Leiter von den Plänen. Die Arbeiten werden dann in Eigenleistung übernommen.

Der alte Klosterhof, der aktuell noch Familie Schürrer aus Fulda gehört, liegt im Herzen von Molzbach, umgeben von viel Grün. Ideal, um zu sich selbst zu finden und neue Perspektiven zu entwickeln. Der Einzug der Arche blieb natürlich nicht unbemerkt. „Wir sind plötzlich aufgetaucht, da waren die Nachbarn neugierig und wollten wissen, was wir machen“, erinnert sich Kuznecov zurück und fährt fort: „Wir sind sehr offen mit unserer Tätigkeit umgegangen und haben die Leute für einen Tag der offenen Tür eingeladen, um ihnen unsere Arbeit zu er-klären.“ Mittlerweile pflege man eine angenehme Beziehung zu den Nachbarn. Gerne bieten die Bewohner der Arche ihre Hilfe in Form von kleinen Diensten wie Gartenarbeit an.

In erster Linie wendet sich die Rettungsarche mit ihrer Hilfe an Spätaussiedler, Menschen mit Migrationshintergrund und Drogenabhängige, dennoch ist jeder im alten Klosterhof willkommen, wie Kuznecov betont: „Wir sind für jeden offen, der Interesse an dem Projekt hat und ernsthaft an sich arbeiten möchte.“

Das Besondere an der Einrichtung ist, dass alle Betreuer beziehungsweise Sozialarbeiter selbst Erfahrung mit einer Sucht haben und es schafften, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. „Bei uns helfen ehemalige Betroffene aktuell Betroffenen. Wir können uns sehr gut in diese hineinversetzen, weil wir am eigenen Leibe erfahren haben, was sie aktuell durchmachen“, so der 40-Jährige.

Dabei ist das Konzept der Rettungsarche ganz simpel: Zwölf Monate lang wohnen die Betroffenen im Klosterhof (oder eben in Marburg) und leben dort als Gemeinschaft. Dabei werden ihnen neue Perspektiven aufgezeigt, die unter anderem durch die entstehende Bindung zu Gott aufkommen.

„Man findet hier zu Gott“, erklärt Sergej und fährt fort, „wenn man sich weiter damit beschäftigt, zeigt sich, dass das lebendige Wort Gottes Freiheit schenkt. Man lernt Vater, Sohn und ein Mann zu sein. Aspekte, die man vorher bereits aufgegeben hatte.“ In den ersten zwei Monaten gilt eine Kontaktsperre, um sich einzuleben und vollkommen auf sich, seine Ziele und die bevorstehende Zeit zu fokussieren. Danach dürfen die Bewohner einmal in der Woche telefonieren, auch das Empfangen der Familie ist möglich. Nach einem halben Jahr können sie selbst die Familie besuchen. Dennoch hat keiner der Jungs ein Handy, Laptop oder ähnliches. Auch Taschengeld gibt es nicht, alles, was gebraucht wird, erhält man vor Ort. Der Fokus soll auf dem Glauben, der Gemeinschaft und der alltäglichen Arbeit liegen. „Jeden Tag führt man einen inneren Kampf, da denkt man auch mal ans Aufgeben, doch die anderen Brüder und das Wissen, dass es andere bereits geschafft haben, stärken einen ungemein“, so Christian, einer der Bewohner.

Sind die zwölf Monate vorbei, beginnt die sogenannte Adaptionsphase. In Rasdorf betreibt die Rettungsarche eine zweite Unterkunft, in der die Jungs das selbstständige Leben „üben“ sollen. Sie wohnen zusammen in mehreren WGs und erhalten weiterhin die Unterstützung der Betreuer. Hier spielt das Hünfelder Jobcenter eine wichtige Rolle, welches die Einrichtung finanziell und bei der Arbeitssuche unterstützt. Ein Anhaltspunkt für die Bewohner, auf ein drogenfreies Leben hinzuarbeiten, ist der Glaube.

Die Rettungsarche ist freievangelisch und gehört keinem bestimmten Verband an. Doch Gottesdienst gehört zum Alltag der Gemeinschaft. Ebenso wie der Sport, welcher täglich eine wichtige Rolle spielt. In der angrenzenden Scheune, in der auch die Gottesdienste abgehalten werden, gibt es mehrere Boxsäcke und Kraftgeräte, an denen sie regelmäßig unter professioneller Leitung trainieren.
Der ehemalige Profiboxer Andreas Klein war einst selbst Bewohner und hat sich nach Ende seiner Behandlungszeit dazu entschieden, anderen mit dem Kampfsport weiterzuhelfen. „Das Trainieren am Boxsack, wie wir es hier machen, kann so befreiend sein“, so Klein und erklärt weiter: „Bei diesem Sport kommt es sowohl auf den Körper als auch auf den Geist an, man konzentriert sich auf sich.“
Das regelmäßige Lauftraining zahlt sich ebenfalls aus. Regelmäßig nimmt die Gruppe an Stadtläufen in der Umgebung teil und bereitetet sich auf einen Marathon vor, der coronabedingt ausfallen musste. Auch das Wandern macht ihnen großen Spaß. Eine Gruppe von sechs Bewohnern gehört dem Fuldaer Alpenverein an und bestieg in diesem Jahr ihren ersten „4000er“ in Italien. „Das sind Erfolge, die die Jungs bestärken und in ihrem Lebenswandel bestätigen“, weiß Kuznecov.
Der Tag im alten Klosterhof beginnt um halb sieben. Alle kommen zusammen, um den Tag mit einem gemeinsamen Gebet zu beginnen, danach geht man an drei Tagen in der Woche laufen, ehe gemeinsam gefrühstückt wird. „Mit dieser Routine starten wir mit viel Energie und einem guten Gefühl in den Tag“, findet Christian. Gemeinsam kümmert man sich um das Drumherum. Dazu gehören die Schweine, Gänse, Kühe und Hühner, mit denen sie sich selbst versorgen. Schrauber kümmern sich um alte Autos und machen sie wieder fahrtüchtig, ehe sie weiterverkauft werden. Über den Tag verteilt hat jeder seine Aufgabe: Ein Teil kümmert sich um die Essenszubereitung, andere um den Haushalt.
Generell hat die Gemeinschaft eine große Bedeutung in dem Projekt. „Wenn die Jungs herkommen, müssen sie nicht zwingend clean sein, einige machen hier einen kalten Entzug durch“, erklärt Leiter Kuznecov. Mit der Unterstützung der bereits Anwesen-den falle es ihnen oft wesentlich leichter. „Dass es kein Zuckerschlecken ist, ist klar, doch wir unterstützen uns wie eine richtige Familie und sind rund um die Uhr füreinander da“, betont er.
Letzter Step des Programms ist das selbstständige Leben. Mithilfe der Arche und des Jobcenters werden Wohnung und Arbeit gesucht. Um ein komplett neues und vor allem suchtfreies Leben zu führen, ist ein Standortwechsel oft von Vorteil. „Viele Familien sehen die Entwicklung unserer Jungs und sind anschließend bereit, die alte Heimat zu verlassen und hier in der Nähe zusammen mit dem Betroffenen von vorne anzufangen“, so Kuznecov. Dies zeugt von einem intakten Verhältnis der Familienmitglieder zu den Betroffenen.

Ein Umstand, der nicht immer so war, das weiß auch Sergej: „Mit Hilfe der Rettungsarche hab ich mein Denken verändert und alte Verhaltens-muster abgelegt. Ich habe meiner Mutter in den letzten Jahren so viel Kummer bereitet. Doch als sie gesehen hat, dass ich es diesmal wirklich geschafft habe, habe ich sie zur glücklichsten Mutter der Welt gemacht. Auf sie kann ich zählen, sie steht komplett hinter mir.“
Das diesjährige Weihnachtsfest verbringen die Bewohner ebenfalls zusammen. Den Tag über treffen sie Vorbereitungen, ehe sie den Abend mit einem Weihnachtsgottes-dienst beginnen. Anschließend werden Geschenke verteilt und die vorbereitete Gans mit russisch-deutschen Leckereien verzehrt. Anschließend wird der Abend mit Spielen und Musizieren ausgeklungen.